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«Wir wollen Brücken bauen und Augen öffnen»

Seit mehr als zehn Jahren kümmert sich die Asylbegleitgruppe Adligenswil (ABA) um Menschen, die aus ihrer Heimat geflüchtet sind und in Adligenswil leben. Mirjam Meyer sagt, wie die ABA hilft.

 

Mirjam Meyer, grundsätzlich ist der Kanton für die Betreuung von Flüchtlingen zuständig. Was ist die Rolle der ABA?
Mirjam Meyer: Wir sind dort, wo die Menschen leben – sowohl die Einheimischen als auch die Geflüchteten. Wir arbeiten vor Ort und wollen Brücken bauen zwischen der einheimischen Bevölkerung und den Menschen, die zu uns kommen. Das heisst, dass wir den Geflüchteten zeigen, was unsere Gepflogenheiten sind, und dass wir gleichzeitig unserer Bevölkerung zeigen, wer diese Menschen sind. Wir wollen auch die Augen öffnen.

Das ist eine Integrationsleistung. Wie treten Sie an die geflüchteten Menschen heran?
Zunächst versuchen wir einfach, das Gespräch aufzunehmen. Wir von der ABA müssen willkommen sein. Dazu gehört, dass wir die Geschichte der Geflüchteten kennen. Das braucht Zeit – auch wenn es darum geht, ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis aufzubauen. Die geflüchteten Menschen haben ein ausgesprochenes Bedürfnis nach Sicherheit und nach Boden unter den Füssen.

Wie gelingt das Kennenlernen? 
Kennenlernen funktioniert hervorragend über das Essen. Mit den ersten Geflüchteten aus der Ukraine veranstalteten wir beispielsweise ein Osterfest. Alle erzählten, woher sie kamen, es flossen viele Tränen. Gleichzeitig entstand ein grosser Zusammenhalt. Ziel der Integration ist es, Herzen und Türen zu öffnen – und zwar sachte.

Und wenn die Türen offen sind, was sind dann die konkreten Hilfeleistungen?
Wir helfen bei der Einschulung der Kinder,  bei Behördengängen, bei Bewerbungen oder mit Übersetzungen. Und wir helfen den geflüchteten Menschen, unseren Alltag zu verstehen.

Sie haben die Gepflogenheiten erwähnt. Wo braucht es hier ein besonderes Verständnis?
Ein besonderer Schwerpunkt ist das Gesundheitswesen. Bei uns ist für die Erstversorgung nicht das Spital zuständig, sondern der Hausarzt. Das ist in vielen Ländern anders. Deshalb gehen wir auch einmal bei Hausarztbesuchen mit. Aber er sind auch Kleinigkeiten: Kürzlich habe ich eine ukrainische Mutter an der Bushaltestelle getroffen. Sie sagte mir, dass ihre Tochter krank sei und sie deshalb in die Stadt fahre, um ­einen Fiebermesser zu kaufen. In der Ukraine gibt es Fiebermesser offenbar nur in den Städten. Ich habe sie dann in den Coop begleitet. Dort hat sie den Fiebermesser gefunden.

Integration geschieht am besten über die Sprache. Wie klappt die Verständigung?
Wir haben Personen in Adligenswil, die aus der Ukraine kommen oder mit der Ukraine verbunden sind und die uns mit Übersetzungen ­helfen. Und wir arbeiten mit einer App, die auch russisch-deutsch übersetzt. 

Russisch?
Ja, die meisten Ukrainerinnen und Ukrainer sprechen oft russisch.

Sie bieten aber auch Deutschunterricht an?
Die Sprache ist ein wichtiger Teil der Integration. Gute Sprachkenntnisse helfen bei der beruflichen Integration. Wir unterstützen unsere Geflüchteten beispielsweise bei der Vorbereitung auf eine Deutschprüfung und freuen uns mit ihnen, wenn sie diese bestehen. Wir motivieren aber auch, wenn sie ein zweites Mal antreten müssen. Wir vermitteln die Sprache ausserdem in Alltagssituationen. Konkret bilden wir «Tandems», das heisst ein freiwilliger ABA-Helfer oder eine freiwillige ABA-Helferin begleitet einen Flüchtling bei einem Spaziergang, beispielsweise über den Dottenberg, oder sie spielen Schach. Dabei erklären sie die Dinge nur auf Deutsch. Das kann wöchentlich sein oder nur einmal pro Monat. Hinzu kommt bei Kindern auch die Hilfe mit Hausaufgaben.

Und sie vernetzen die Ukrainerinnen und Ukrainer untereinander.
Ja, jeden Montag findet eine Gesprächsrunde statt. Wir begleiten bereits 25 Geflüchtete aus der Ukraine, die bei 13 Gastfamilien untergebracht sind. Sie sind alle mit einem Plan A in die Schweiz gekommen, dass sie nämlich in den Sommerferien in die Ukraine zurückkehren. Das ist nicht eingetroffen. Nun helfen die Gesprächsrunden, einen Plan B zu entwickeln. Zudem haben wir eine WhatsApp-Gruppe für die Geflüchteten und die Gastfamilien, in der wir uns schnell austauschen können. 

Eine besondere Rolle spielen bei der Integration auch die Vereine.
Ja, und dafür sind wir sehr dankbar. Integration geschieht auch über Sport, Musik, Tanzen und Spiel. Sei es der FC Adligenswil, die Pfadi, das Streicherensemble, die Tanzschule «TanZdas», die Ludothek oder das Bimbikafi des Clubs junger Eltern – alle sind offen und helfen unkompliziert. Wir haben sogar eine grosse Privatspende  für die Kinder und Jugendlichen erhalten.

Neben der finanziellen Unterstützung brauchen Sie aber auch Freiwillige. Wie ist die ABA aufgestellt, wenn sich die Zahl der Flüchtlinge in Adligenswil verdreifacht?
Wir brauchen mehr Freiwillige, das ist klar. Doch ich bin zuversichtlich, dass wir Unterstützung finden werden. Als die Covid-Krise begann, meldeten sich in Adligenswil innerhalb einer Woche mehr als 150 Freiwillige. Es ist also ein grosses Potenzial vorhanden. Freiwillige können sich gerne bei Monika Käch von der Koordinationsstelle Freiwilligenarbeit der Gemeinde melden (koordination.freiwilligenarbeit@adligenswil.ch oder auf WhatsApp unter 078 410 72 99). Wir sind sehr dankbar für jede Unterstützung.

 

Asylbegleitgruppe sucht Unterstützer

2012 entstand die Asylbegleitgruppe Adligenswil (ABA) als eine lose Gruppierung, seit 2017 ist sie als Verein organisiert. Trägerinnen sind die katholische Kirchgemeinde, die reformierte Kirchgemeinde und der Frauenbund. Von der Gemeinde Adligenswil wird sie mit einem Vereinsbeitrag unterstützt. Für die Flüchtlingsarbeit engagieren sich regelmässig rund zwanzig Freiwillige. Hinzu kommen rund dreissig Passivmitglieder. Passivmitglied kann man mit einem Beitrag von 20 Franken werden. Möglich ist dies über IBAN CH46 8080 8004 6703 3548 8 oder direkt über den nachstehenden QR-Code.